Attraktives Buch, verkauftes Buch?

Mit jedem Buch wird eine neue Welt erfunden. Wenn es besonders gut ist: etwas noch nie Dagewesenes. Nun ist das Manuskript fertig – und es…

14.01.2014 · BoD Allgemein · Wissen
Erstens hat dazu buchstäblich jeder eine Meinung – auch jeder, der weder vom Inhalt noch vom Markt eine Ahnung hat. Zweitens haben inhaltliche Menschen – zuerst also der Autor, häufig auch sein Lektor – ein ganz anderes Anliegen als die Werbeleute und Verkäufer. Drittens schließlich gibt es keinen überprüfbaren Weg zur besten Lösung. Bei vorgegebenen Reihengestaltungen und eindeutigen Zielgruppen stellt sich die Frage so nicht. Aber wie wird die Umschlaggestaltung für einen Roman – für diesen Roman! – einzigartig? Wenn das Briefing für den Umschlag stattfindet, kennen nur der Autor und sein Lektor den Inhalt bis in alle Details. Dann wollen sie diesen naturgemäß gewissermaßen vornedrauf erzählen, in Wort und Bild, und dies möglichst ehrlich und umfassend. Das ist zum Scheitern verurteilt. Der Autor muss lernen: Das Cover ist nicht dazu da, sein Anliegen oder möglichst viel von seinem Inhalt wiederzugeben. Es ist Verpackung. Seine einzige Aufgabe ist es, diesen Inhalt zu transportieren – zunächst in die Buchhandlung, an die Presse, letztlich in die Hände von möglichst vielen Lesern für ebendieses Buch. Vertriebsleute und Vertreter wissen, welche Art Cover die Buchhändlerin gerne in ihrem Laden zeigen würde. Die Marketingleute sind überzeugt: Ein attraktives Buch ist ein verkauftes Buch. Sie neigen dazu, weder den Inhalt noch seine spezifischen Leser ernst zu nehmen. Aber das rächt sich, Leser lassen sich nicht reinlegen. Die meisten Buchkäufer sind bekanntlich Frauen im mittleren Alter. Weil zu oft nur noch auf die Verkäufer gehört wird, sind für ebendiese Vielleserinnen die Läden voll mit wunderschön gestalteten Büchern – die untereinander immer austauschbarer werden. Schließlich gilt für alle Beteiligten: Sie haben oft eine durchaus konkrete Vorstellung, wer dieses Buch kaufen soll. Niemand jedoch kennt diese Kundin – weil alle, die sich darum streiten, nur den eigenen, also beschränkten Wirklichkeitsausschnitt haben. Der Intellektuelle geht mit anderen Menschen anders um als der Kaufmann, die Buchhändlerin aus Eckernförde kennt andere Kunden als die Pressefrau in München. Und der Autor hat meist keine Ahnung, wer warum seine Bücher liest – oder eben nicht. (Wenn sie erfolglos sind, war der Umschlag verkehrt. Oder der Verlag hat ja keine Werbung gemacht.) Kurz: Die Covergestaltung ist immer wieder ein gordischer Knoten. Es gelten aber ein paar Regeln auf dem Weg zu seiner Lösung. Weil wir erst gucken, dann lesen, hat das Motiv eine einzige Aufgabe: den flüchtigen Blick festzuhalten. Überall sehe ich auf Büchern komplexe Bildkonstruktionen, die, statt unmittelbar anziehend zu sein, Interpretationen verlangen. Ein Ast kann viel mehr sagen als ein Wald. Der Haupttitel ist ebenso wenig wie das Bild dazu da, viel zu erzählen, sondern soll – zack! – ein Fragezeichen auslösen, neugierig machen, damit das Buch überhaupt in die Hand genommen wird. Der Untertitel schließlich – dies wird in der Belletristik sträflich wenig genutzt – kann inhaltlich weiter gehen und mir klarmachen: Warum möchte oder gar muss ich dieses Buch lesen? Nun sind alle Aufgaben des Covers gelöst: Mehr kann es nicht leisten. Zurück auf dem Weg der Verführung geht es weiter zur Umschlagrückseite, schließlich zum Klappentext oder zu einer Beschreibung auf Seite 2 im Buch. Dann lese ich in den Inhalt hinein – und lege das Buch meist wieder weg. Dafür kann der Umschlag aber nichts.
Vito-von-Eichborn

Vito von Eichborn

1943 geboren, Studium in Hamburg und Köln, ehemaliger Journalist und Lektor. 1980 gründete er den Eichborn Verlag. Dort stieg er 1995 aus, war Geschäftsführer bei kleineren Verlagen und ist seit 2005 selbstständiger Publizist. Er wohnt am See in der Holsteinischen Schweiz, baut seinen eigenen Kleinverlag Vitolibro (www.vitolibro.de) auf und ist für ausgewählte Autoren Literaturagent.

„Wie alle Verlage suche ich nach dem Besonderen. Nicht Simpelprosa und Egotext, sondern inhaltlich und sprachlich das Nicht-Austauschbare.“

Kommentare

  • oh. Diesen Ausführungen zum Cover kann ich nur zustimmen. Jetzt habe ich gerade mein 5. Buch und mein 1. Drehbuch veröffentlich. Nachdem die Tipperei auf dem PC abgeschlossen war, ging es an die Gestaltung des Covers. Bis jetzt bin ich noch davon überzeugt, dass diese, meine 5 + 1 gelungen sind. Ein Fachmann wird vielleicht etwas anderes dazu sagen…….. (hoffentlich nur Positives)

  • Dank des Digitaldruck ist es ja Gott sei Dank nicht mehr so aufwendig ein schönes tolles Buch zu gestalten! Ab einem Stück kann schon halbwegs kostengünstig produziert werden ohne Qualitätsverlust, ja ganz im Gegenteil, es gibt derartig viele tolle Möglichkeiten! Buchdruck macht Spass!

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