Ein Feinschliff für den eigenen Text

Was genau passiert bei einem Lektorat? Wie sehen die Anmerkungen aus, und wie geht man als Autor damit um? Unsere Autorin Sarah Stankewitz hat es…

20.11.2015 · BoD Schreiben · Wissen · · ·

Vor einigen Wochen haben wir Sarah Stankewitz vorgestellt, die bereits drei Romane bei BoD veröffentlicht hat. Für ihr neuestes Buch „Million miles away“ hat sie sich für ein Lektorat entschieden und uns von ihren Erfahrungen berichtet. „Das Lektorat war wie ein Feinschliff für meinen Text“, erzählte sie im Interview.Um das zu veranschaulichen, stellt sie uns zwei Passagen zur Verfügung. Die Bearbeitungsschritte sind hier klar erkennbar: der Text im Rohzustand, mit Lektoratsanmerkungen und in der finalen Version.

Textbeispiel 1

Text im Rohzustand

Prolog

Melody

Es gab eine Zeit, in der ich dachte, dass Blitze durch meine Venen schießen werden, wenn ein Mann mich berührt. Der Mann, dem ich mein Herz geschenkt habe und in dem ich meine Zukunft sehe, wenn ich ihm in die Augen blicke. Doch jetzt weiß ich, dass diese Blitze nichts als Schmerzen hinterlassen. Tiefe Spuren auf meiner Seele. Ich werde niemals ein Kribbeln auf meiner Haut spüren, wenn man mich berührt. Stattdessen wird es mich verbrennen. Mittlerweile ist mir bewusst, dass sie nichts anderes sind, als ein Ereignis des Himmels. Warme Luftmassen strömen zusammen und steigen auf, bis sie schließlich krachend auf unsere Erde hinab schießen. Früher habe ich sie geliebt. Doch dann kam er. Und hat alles, was ich einst liebte, in meine persönliche Hölle verwandelt. Seit dieser einen Nacht hasse ich sie. Diese Nacht hat mir gezeigt, dass Blitze einem nie etwas anhaben können, auch wenn man sie fürchtet. Menschen hingegen schon. Sie können dich brechen.

Text mit Lektoratsanmerkungen

Text in finaler Version

Prolog

Melody

Es gab eine Zeit, in der ich dachte, dass Blitze durch meine Venen schießen werden, wenn ein Mann mich berührt. Der Mann, dem ich mein Herz schenke und in dem ich meine Zukunft sehe, wenn ich ihm in die Augen blicke. Doch jetzt weiß ich, dass diese Blitze nichts als Schmerzen hinterlassen. Tiefe Spuren auf meiner Seele. Ich werde niemals ein Kribbeln auf meiner Haut spüren, wenn man mich berührt. Stattdessen wird es mich verbrennen. Mittlerweile ist mir bewusst, dass Blitze nichts anderes sind als elektrische Entladungen in den Wolken, die schließlich krachend auf unsere Erde hinabschießen. Früher habe ich sie geliebt. Doch dann kam er. Und hat alles, was ich einst liebte, in meine persönliche Hölle verwandelt. Seit dieser einen Nacht hasse ich sie. Doch diese Nacht hat mir auch gezeigt, dass Blitze einem nichts anhaben können, auch wenn man sie fürchtet. Menschen hingegen schon. Sie können dich brechen.

Sarah Stankewitz

Sarah Stankewitz

möchte ihre Leidenschaft mit anderen Menschen teilen und ihre Geschichten nicht mehr nur für sich selbst, sondern auch für andere auf's Papier bringen. Die Geschichten der Autorin sind stets eine Mischung aus Romantik, Dramatik und einem Hauch Humor.
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Textbeispiel 2

Text im Rohzustand

Sie hat ihre blonden Haare zu einem lockeren Zopf seitlich geflochten und sitzt auf meinem Bett. Mit der einzigen Sache in der Hand, die sie niemals berühren sollte. Das einzige Andenken, das ich behalten konnte. Melody sitzt auf meinem Bett, während ihre Finger sachte über die vollkommen verzogenen Saiten gleiten. Das dunkelrote Holz der Gitarre ergibt einen wunderschönen Kontrast zu dem Mädchen, das sie hält. Dabei ist das Bild wunderschön und verstörend zugleich. Sie darf sie nicht berühren. Es ist das Einzige, was ich seit jenem Abend nicht mehr angefasst habe. Weil ich Angst habe, auch ihre letzten Spuren zu verwischen, die sie mir hinterlassen hat. Und jetzt sitzt Melody seelenruhig auf meinem Bett und spielt eine Melodie, die ich nur allzu gut kenne. Schließlich hat Cassidy mir beinahe jeden Abend ein neues Stück gezeigt. Dieses hatte sie über alles geliebt – wie mich. »Dieses Lied erinnert mich immer an uns, Schatz.« Cassidys Bild erscheint in meinen tosenden Gedanken. Ihre Stimme schlingt sich um meine Kehle, die von Sekunde zu Sekunde trockener und rissiger wird. Noch immer kann ich nichts anderes tun, als Melody zu mustern, ohne mich einen Millimeter zu rühren. Sie muss auf der Stelle verschwinden, sonst brennen alle Sicherungen durch.

Text mit Lektoratsanmerkungen

Text in finaler Version

Sie hat ihre blonden Haare seitlich zu einem lockeren Zopf geflochten und sitzt auf meinem Bett. Mit der einzigen Sache in der Hand, die sie niemals berühren sollte. Das einzige Andenken, das ich behalten konnte. Melodys Finger gleiten sachte über die verzogenen Saiten. Das dunkelrote Holz der Gitarre ergibt einen wunderschönen Kontrast zu dem Mädchen, das sie hält. Dieses Bild ist wunderschön und verstörend zugleich. Aber sie darf sie nicht berühren. Ich habe sie seit jenem Abend nicht mehr angefasst, weil ich Angst davor hatte, auch ihre letzten Spuren zu verwischen. Und jetzt sitzt Melody seelenruhig auf meinem Bett und spielt eine Melodie, die ich nur allzu gut kenne. Cassidy hat mir jeden Abend ein neues Stück gezeigt, doch dieses hat sie über alles geliebt – wie mich. »Dieses Lied erinnert mich immer an uns, Schatz.« Cassidys Bild erscheint in meinen tosenden Gedanken. Ihre Stimme schlingt sich um meine Kehle, die von Sekunde zu Sekunde trockener und rissiger wird. Noch immer kann ich nichts anderes tun, als Melody zu mustern, ohne mich einen Millimeter zu bewegen. Sie muss auf der Stelle verschwinden, sonst brennen mir alle Sicherungen durch.

Sarah Stankewitz hat fast alle Anmerkungen des Lektorats übernommen. Der Text liest sich flüssiger, Wiederholungen werden vermieden, Metaphern sind klar herausgearbeitet, und ihr Stil bleibt erhalten. Kein Wunder, dass sie mit dem Ergebnis zufrieden ist. „Man ist ja irgendwann betriebsblind für den eigenen Text“, lacht sie. Ein Lektorat liefert in dieser Entstehungsphase den hilfreichen Blick von außen.Wir danken Sarah Stankewitz für den Einblick, den sie uns in diese sensible Phase ihres Romans ermöglicht hat!

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