Wenn Nebencharaktere ins Scheinwerferlicht treten

Was passiert, wenn Nebencharaktere plötzlich die Hauptrolle einnehmen möchten? Und welche Herausforderung kann das mit sich bringen? Unsere Autorin J. Vellguth verrät dir, welche Stolpersteine…

Im Rahmen unserer BoD homestory haben wir, gemeinsam mit der Autorin J. Vellguth, einen Schreibworkshop zum Thema Nebencharaktere organisiert. Wir haben uns angeschaut, warum Nebencharaktere Geschichten so besonders machen, wie man diese Rollen weiterentwickelt und welche unterschiedlichen Ziele und Aufgaben sie in einer Geschichte haben. Solltest du das Video verpasst haben, kannst du es dir jederzeit auf unserem YouTube-Kanal ansehen.

Ergänzend zu ihrem Workshop haben wir im Nachhinein noch darüber gesprochen, was passieren kann, wenn ein Nebencharakter ins Scheinwerferlicht tritt und welche Herausforderungen das mit sich bringen kann. Am Ende unseres Gastartikels hast du auch die Möglichkeit, dich für die Teilnahme eines weiteren Workshops von J. Vellguth anzumelden.


J. Vellguth

schreibt romantisch-moderne Liebesromane mit Humor und Herz. Manche mit, manche ohne Magie, aber immer mit viel Gefühl. Tatsächlich ist sie erst zufrieden, wenn ihre Leser auf der äußersten Stuhlkante sitzen, um herauszufinden, wie es weitergeht. Sie hat bereits mehr als 20 Bücher veröffentlicht und teilt auf ihrem Schriftsteller werden Blog regelmäßig Tipps für Autorinnen und Autoren.

Vom Comic Relief zur Hauptfigur?

Über Nebencharaktere könnte man einen ganzen Workshop abhalten … Ach warte, das hab ich ja schon gemacht 😎
Dabei haben wir uns unter anderem darüber unterhalten, was passiert, wenn dir Nebencharaktere ganz besonders ans Herz wachsen: Dann kannst du sie nämlich als Insider in anderen Geschichten wiederverwenden oder sogar zu Hauptcharakteren machen. Aber was, wenn du dafür den „falschen“ Nebencharakter erwischst?

Lass mich dir dazu eine kleine Geschichte erzählen.
Mein erster Liebesroman war #FolgeDeinemHerzen. Der Hauptcharakter war ein YouTuber mit Millionen von Followern und die Dame seines Herzens hatte so eine Art Social Media-Phobie. Also die perfekte Kombination.
Um das Gespann abzurunden gab es auch noch seinen besten Freund Milo und, was soll ich sagen? Milo ist ein Herzensbrecher, der absolut immer einen blöden Spruch auf den Lippen hat. So richtig schön daneben und der perfekte Sidekick. In exakt den falschen Momenten gibt er die dümmsten Kommentare ab und sorgt damit für genau den „Comic Relief“, den man in solchen Situationen schonmal braucht. Und ja, ich hab mich ein klein bisschen in ihn verliebt.

Ein Comic Relief ist ein literarisches und auch filmisches Stilmittel, bei dem man die Einbeziehung von humorvollen Figuren, Szenen oder auch Dialogen meint. Häufig wird ein Comic Relief dafür benutzt, um in einem sonst ernsthaften Text kurzfristig die Spannung abzubauen. Berühmte Comic Relief-Figuren sind zum Beispiel Timon und Pumbaa aus Der König der Löwen, Fred und George Weasley aus Harry Potter oder auch der Drache Mushu aus Mulan.

Die neue Rolle des Nebencharakters

Im zweiten Buch wollte ich dann für Cherry, die beste Freundin der Protagonistin, ihre große Liebe finden und natürlich hat Milo sofort „hier“ geschrien. Ich fand das genial. Er, der oberflächliche Typ, sie diejenige, die mit ihrem Äußeren überhaupt nicht zufrieden ist. Für den Storykonflikt hat einfach alles gepasst.

Ich habe also angefangen zu schreiben, es lief super, aber dann kam mir Milos Persönlichkeit immer häufiger in die Quere. An jeder Ecke und zu jeder Gelegenheit warf er mit seinen dummen Sprüchen um sich und wollte die unmöglichsten Aktionen abziehen. Was als Nebencharakter einen coolen Effekt hatte, war als Hauptcharakter einfach nur noch nervig. Denn Nebencharaktere haben nun mal die intrinsische Eigenschaft, dass sie eben nicht in jeder Szene vorkommen. Ein Hauptcharakter dagegen schon und gerade das, was Milo zu einem liebenswürdigen Nebencharakter machte, sorgte dafür, dass er als Hauptcharakter so gut wie unbrauchbar wurde.

Also hatte ich die Wahl: Milo rausschmeißen oder seinen Charakter anpassen.

Rausschmeißen kam für mich nicht in Frage, dafür hat er einfach zu perfekt in die Rolle gepasst und ich mochte ihn auch viel zu sehr. Deshalb habe ich an seiner Persönlichkeit geschraubt. Wirklich nicht viel und wenn du die Geschichte liest, wirst du dich vielleicht sogar fragen, wo ich bitte schön überhaupt etwas an ihm geändert habe, weil er immer noch sehr … gewöhnungsbedürftig ist. Aber glaub mir, es ist eine Menge weggefallen und trotzdem noch viel übrig geblieben, denn immerhin habe ich ihn ja genau wegen seines schrägen Charakters gemocht.

Vielleicht ist der Nebencharakter ja doch keine perfekte Hauptrolle?

Trotzdem war mir sein Verhalten eine große Lehre und die möchte ich hiermit an dich weitergeben:

Schau dir deine Nebencharaktere sehr genau an und prüfe sie auf Herz und Nieren, bevor du ihnen gestattest, eine Hauptrolle zu übernehmen. Denn nicht jeder Nebencharakter ist automatisch auch ein guter Protagonist, auch dann nicht, wenn du ihn noch so witzig, schräg oder schweigend super findest (stille Hauptcharaktere haben ihre eigenen Herausforderungen). Manche Charaktere sollten lieber in ihrer Nebenrolle glänzen, anstatt als Hauptcharakter zu verglühen.

Wenn du jetzt noch mehr darüber wissen willst, was ich in über zwanzig veröffentlichten Büchern über das Geschichten-Schreiben gelernt habe, dann gibt’s nächste Woche meinen ersten eigenen Workshop zu dem Thema: Wie finde ich von der Idee zur fertigen Geschichte. Und zur Einstimmung dazu gibt es schon heute den „Weg zum Schriftsteller“, der sich mit den Fragen beschäftigt, die du dir stellen solltest, noch bevor du dich für eine Idee entscheidest. Melde dich schnell an, denn beides gibt es nur für ganz kurze Zeit 😉

Schreibe einen Kommentar

*Pflichtfelder