Bookdate Contest 2022: Die finalen Geschichten stehen fest

Unsere neun Geschichten für das Finale unseres Schreibwettbewerbs "Bookdate Contest 2022" stehen fest!

Vom 1. bis 20. Februar 2022 haben wir zusammen mit TWENTYSIX die drei besten Geschichten zum Thema: „Ich bin angekommen“ in den Genres Romance, Fantasy und Crime gesucht.

Nachdem viele tolle Geschichten eingereicht wurden, hat unsere Jury, bestehend aus Anika Landsteiner, Bernhard Hennen und Martin Krist drei Geschichten pro Genre für das Finale ausgewählt. Wir freuen uns, dir heute die neun besten Geschichten präsentieren zu dürfen.

Das große Finale des Bookdate Contest findet am 18. März 2022 online auf unserem YouTube-Kanal statt. Aktuell werden die ausgewählten Texte lektoriert, bevor sie von unserer Sprecherin Margit Sander am Final-Abend gelesen und die Gewinnergeschichten von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern zuhause gewählt werden. Wie du für deine Lieblingsgeschichte abstimmen kannst, erklären wir dir natürlich während der Veranstaltung.

Romance-Finalistinnen

Anika Landsteiner

„Ich fand es so interessant zu lesen, wie unterschiedlich die Herangehensweisen an das Thema „Ich bin angekommen“ waren und wie viel Fantasie in den kurzen Texten steckte. Manche waren sprachlich sehr stark, aber es fehlte für meinen Geschmack die Handlung, um mehr wissen zu wollen; bei anderen war es genau umgekehrt. Ich habe mich bemüht, eine gute und spannende Mischung auszuwählen und kann nur sagen: Wie schön zu wissen, dass es so viele kreative Menschen gibt, die ihr Ventil, das Schreiben, gefunden haben – und von idyllischen Naturbeobachtungen, mysteriösen Begegnungen und schmerzhaften Entscheidungen erzählen. Alle, die mitgemacht haben, sind auf eine gewisse Art und Weise angekommen, nämlich bei sich und ihren eigenen Worten.“

Bridget Lionhill

Am Pier

Eine leichte Brise weht vom Meer herein und erfrischt mein Gesicht. Ich bin zu früh dran − absichtlich. Ich wollte ein wenig den Blick auf die Brandung genießen. Mir in Ruhe die Wellen anschauen, wie sie Richtung Strand schwappen und nasse Bögen in den Sand malen. Fast wie ein Gemälde, das sich sanft bewegt und vermag, mein Innerstes ins Gleichgewicht zu versetzen. Mir Kraft für die bevorstehende Aussprache schenkt.

Ihr Wellen dürft ruhig ein Stück meiner Nervosität mit euch nehmen und aufs Meer raustragen – ich brauche heute einen klaren Kopf.

Wie vereinbart warte ich an unserem Platz am Pier.

Bei unserer Hochzeitsreise steuerten wir direkt Richtung Santa Monica und spazierten Hand in Hand gemeinsam bis zu dieser Stelle. Ich fühlte mich wie die glücklichste Frau der Welt. Voller Zufriedenheit reckte ich mein Gesicht mit geschlossenen Augen in die Meeresbrise. Johnny stellte sich hinter mich, legte einen Arm um meine Taille und drückte mich gefühlvoll an sich. Wir standen damals eine Ewigkeit nur da und schauten gemeinsam aufs Meer hinaus. Keiner sagte ein Wort − wir verstanden uns, ohne zu sprechen. Es war einer der schönsten Augenblicke in meinem Leben. Ich war ausgefüllt von Glück und Liebe.

Hier hat unsere gemeinsame Zeit ihren Anfang gefunden − es ist der perfekte Ort, um sich auch zum Abschluss zu treffen.

Gedankenverloren fahre ich über den Abdruck, der über Jahre von meinem Ehering geformt wurde.

„Schön dich zu sehen, Samantha!“
Als Johns Stimme von hinten an mein Ohr dringt, habe ich seine Anwesenheit schon längst bemerkt. Der bekannte Duft seines Aftershaves umschmeichelte bereits eine Weile meine Nase.

Ich atme tief die frische Meeresluft ein, straffe meine Schultern und wende mich ihm zu.

„Hallo, John! Schön, dass du dir Zeit nehmen konntest.“

Die schwarze Ledermappe meines Anwaltes liegt schwer in meiner Hand und doch genieße ich, wie sich bereits ein erhabenes Gefühl von Freiheit in mir ausbreitet und ich mich endlich in meinem Leben angekommen fühle.

Hanne Benden

Blaubeeren

Wir gehen in die Knie. Wie damals. Klauben nach den runden Beeren. Die Rücken schmerzen. In Gummistiefeln beugen wir uns zu den Sträuchern hinab, pflücken eine Beere nach der nächsten von den kalten, feuchten Zweigen. Kiefernwald in meiner Nase, ich atme tief ein und schließe die Augen. Doch mein Blick bleibt grün. Und lila. Die kühlen Beeren platzen zwischen meinen Fingern. Herbe Süße auf meiner Zunge. Warme Sonnenstrahlen brechen zwischen den Zweigen hervor und erleuchten den frischen Saft auf unseren Händen. Diesen Moment werde ich immer erinnern. Ich stecke mitten im Sommer und weiß, dass ich ihn wieder und wieder erleben kann, auch im tiefsten Winter. Er ist in mir konserviert. Kein mitäpa jos (was wäre wenn) möglich. Die stärkste Seife wird das Lila nicht von meinen Händen waschen. Der dunkelste Winter kann das Grün nicht vertreiben. Das Licht bleibt.

Die Rückenschmerzen vergehen, werden geheilt von Lagerfeuer und Blaubeermuffins am See, auf dessen Spiegeloberfläche ein Vogel landet. Später sitzen wir in Pullover gehüllt auf der Restwärme unseres Felsens und blicken auf das Wasser hinaus. Gebratener Fisch und Muffins auf unseren Tellern, über uns Seevögel, am Ufer der ein paar Hundertmeter entfernten Insel ein Angler in seinem Ruderboot. Der Fisch zergeht auf der Zunge wie Butter und hinterlässt einen Nachgeschmack von Zitrone und frischen Kräutern. Der Himmel verfärbt sich von blau zu hellgrau und rotrosa gestreift. Stille legt sich über den See und uns, als die Sonne sich hinter der Insel versteckt.

Und wir sitzen hier und sind ewig. Im Wald schon geahnt und am Ufer bestätigt; das hier kann nicht vergehen. Ich schiebe dir eine schokoladenüberzogene Blaubeere zwischen die Zähne und du balancierst sie, lässt abwechselnd links und rechts deine Zunge daran entlangwandern und schleckst die Schokolade von einer Seite ab. Ich übernehme die andere Seite …

Prasseln weckt uns. Kühle Regentropfen schlagen auf uns auf und zerplatzen. Tropfen so dick wie Blaubeeren.

Winnie Rabenstein

Abgekommen

Tallulah Black und Frederick Cole. Hier standen sie nun. Sie starrten sich fassungslos an.

Frederick dämmerte es, dass er wahrscheinlich mit einer Minderjährigen geschlafen hatte. Der Schock dieser Erkenntnis zog seine Brust noch enger zusammen. Das Atmen fiel ihm schwer. Sein Herz schlug bis zum Kinn. Lola stand regungslos vor ihm. Ängstlich wirkte sie nicht. Viel mehr sah es so aus, als wäre sie freudig überrascht. Sicher erwartete sie von ihm, dass er sich ebenfalls freute.

Vor seinem inneren Auge sah er sein gewohntes Leben in tausend Scherben zerspringen. Seine Gedanken rasten. Wer war sie überhaupt? Er kannte sie nicht. Nicht ihre Absichten, nicht ihre Wünsche. Er hatte nicht den blassesten Schimmer, wie diese Frau – nein, dieses Mädchen – mit all dem umgehen würde.

Noch bevor er vernünftig darüber nachdenken konnte, öffnete er hilflos seinen Mund und sprach in jenem abfälligen Ton, den er sich als Lehrer angewöhnt hatte: »Bitte entschuldigen Sie, Miss Black. Ihre persönliche Begrüßungsfeier muss leider entfallen. Sie haben hoffentlich nichts dagegen, augenblicklich Ihre Gemächer aufzusuchen? Oder bevorzugen Sie vorher noch eine Schulführung?«

Kälte stach aus seinen Augen und irritierte Lola. Sarkasmus? Konnte es sein, dass er sie nicht erkannte? Doch sie hatte keine Zeit sich darüber zu wundern. Noch bevor sie ihren Mund öffnen konnte, um etwas zu erwidern, drehte er sich um und schritt eilig voran. Er bemerkte, dass sie keine Anstalten machte, ihm zu folgen, und wurde wütend.

»Worauf warten Sie, Miss Black?«, blaffte er ohne sich umzudrehen »Ihre Koffer müssen Sie schon selbst tragen.«

Lola setzte sich wie in Trance in Bewegung.

War er völlig übergeschnappt?

Fantasy-Finalistinnen und -Finalisten

Bernhard Hennen:

„Es war großartig zu sehen, wie bunt die Blumen der Phantastik blühen. Manchmal werden wir Fantasyautoren, als die Märchenonkel der Literatur belächelt, aber wir sind es, die uns neue Welten vorstellen können und Fortschritt kann es nur dort geben, wo es Menschen gibt, die sich ein Zusammenleben aller – gerade in einer allzugrauen Gegenwart – in den schillerndsten Farben ausmalen können. Das sind die Phantasten. Ich bin stolz einer zu sein und mit viel Freude habe ich gesehen, welch wunderbare Welten Kolleginnen und Kollegen im Bookdate Contest 2022 zum Leben erweckt haben. Es war schwer sich zu entscheiden, denn jede der Geschichten, die es ins Finale geschafft hat, war auf ihre Art wunderbar. Besonders bedauere ich, dass wir uns, aufgrund der Umstände, nicht persönlich in Leipzig treffen konnten und möchte zumindest digital die Hand reichen und allen gratulieren. Ihr habt Magie gewirkt. Das braucht diese Welt.“

Christoph Zachariae

Die Ruinen der Stadt

Vor ihr erstreckten sich die Ruinen einer Stadt. Überrollt und begraben vom Sand einer sich hemmungslos ausbreitenden Kältewüste. Wie zerklüftete Felsen ragten die verfallenen Monumente in die rote Dämmerung. Ihr Krankenhaus lag am oberen Ende eines Hanges und sie blickte auf eine weitläufige Ebene hinab. Bis zum Horizont erstreckte sich das dicht bebaute Labyrinth. Tempel, Steingärten, Kultstätten und Kathedralen so weit das Auge reichte. Als wären sämtliche Prachtbauten der Welt an diesem Ort versammelt. Sie erkannte gebrannte Backsteine, Granit, hochwertigen Marmor und hartes Gussmauerwerk. Die verfallene Ruine eines römischen Bades neben dem gestuften Tempel eines Zikkurats. Eine romanische Basilika, die an das Pantheon erinnerte, neben einem gotischen Münster. Triumphbogen, gewaltige Reiterstandbilder, Brunnenhäuser, zerfallene Obelisken, gestürzte Säulen. Zerbrochen ragten sie in die Sandwolken, begraben unter haushohen Dünen.

Die eigenwillige Mischung aus Epochen und Baustilen verblüffte sie. Auf den ersten Blick schien sie den Fortschritt der Architektur aus dem Dunkel der Vorzeit bis in die Gegenwart zu dokumentieren. Doch entgegen der Chronologie durchbohrten gotische Turmhelme die Silhouetten von Kuppelgebäuden. In diesem Traum gab es keine nachvollziehbare Entwicklung, nur den unbändigen Gestaltungswillen eines Baumeisters. Und dem Architekten des Ewigen Traums schien es weniger um Kunstgeschichte zu gehen als vielmehr um die reine Form, um die Erhabenheit der Baukunst an sich. Sturmumtost und menschenleer tauchte sie ein bläulicher Vollmond in eisiges Zwielicht. Vor Isas Augen lag der wahr gewordene Traum eines größenwahnsinnigen Architekten.

Die Entdeckung versetzte sie in Aufregung. Sie hatte den Ort gefunden, den ihr Vater gezeichnet hatte. Benommen flüsterte sie:

»Der Ewige Traum. Ich habe ihn gefunden. Ich habe ihn gefunden.«



Mark Ruso

Drei Wünsche

Zefix erwachte in einer grellen Explosion aus Farben und Licht. Wogen heißer Luft strichen über ihn hinweg. Heiße, stinkende Luft. Nur mühsam konnte er ein Würgen unterdrücken. Wo bei allen vedischen Göttern war er gelandet? Auf jeden Fall an keinem Ort, an dem die Leute Nasen besaßen.

Er stieg kurz in die Höhe, sah sich um.

Wüste.

Er steckte noch immer in dieser dreimal verfluchten Wüste fest. Er glaubte, sich gar an diese Steinformation rechts am Hügelkamm erinnern zu können. Ja, ganz klar, dort lagen die Überreste des Pferdes vom hirnversengten Teppichhändler. Der kleinere Haufen Knochen daneben dürfte der Reiter selbst gewesen sein. Zwei Mahlzeiten für die Geier.

Er hatte ihm geweissagt, dass es unmöglich wäre, diese Wüste auf einem Pferd zu durchqueren. Wer hatte wieder recht behalten? Er, wer sonst. Und wer steckte nun fest? Ebenfalls er. Der arme, alte Zefix.

Doch wer hatte ihn aus seinem Schlummer erweckt?
Neugierig sank hinab, schon die übliche Grußformel auf den Lippen.

Beim: »Ich gewähre Euch drei Wün …« brach er würgend ab.

Das zahnlose, räudige Kamel sah ihn dumpf aus trüben Augen an und hielt inne, die messingfarbene Lampe zu belecken.

Zefix stieg erneut in die Höhe. Ganz klar, hier oben war die Luft besser. Offenbar litt dieses Tier unter ernsten Verdauungsproblemen. Es hob den Kopf, blökte fragend.

»Verzieh dich!«, zischte er.

Da kam ihm eine verzweifelte Idee. Es war vollkommen irre – aber besser, als weitere Dekaden in der Wüste rumzuhängen.

Der Dschinn hielt die Luft an, glitt in seine Behausung und nahm Kontakt zum Geist des Kamels auf. Es dauerte, bis er durchdrang. Endlich ergriff das Tier seine Lampe vorsichtig mit schrundigen Lippen, zog sie aus dem Sand und marschierte schnaufend los, gen Osten.

Aus dem Gefäß erklangen leise, würgende Laute. Ein ätherischer, grüner Rauch quoll schwallartig hervor.

Doch nun ging es weiter. Er war aufs Neue bei seinem Lebensziel angelangt – die unendliche Welt der Wünsche und Begierden.

Nadine Opitz

Das Ohr des Königs

Kalter Wind ergriff ihren zierlichen Körper und schleuderte ihn von einer Seite der Gasse zur anderen. Auf den ersten Blick wirkte sie wie ein wunderschöner Trunkenbold.

Mit jeder Böe schrumpfte ihre Gestalt. Ein Luftzug zerrte an ihrem schwarzen Kleid und den langen dunklen Haaren. Mit feinen ringbesetzten Fingern strich sie ihren Blick frei. Die Augen funkelten im Licht der Glühbirnen, die ihren Weg erhellten. Zarte Schatten warfen die fast durchsichtigen Flügel an die Mauern des Weges.

„Nur noch ein paar Meter, die uns von unserer Herrschaft trennen“, murmelte sie. „Es wird Zeit, die finale Schlacht zu schlagen.“

Beinahe hätte sie der Wind gegen einen Blumenkübel geweht. Als wäre sie nichts weiter als ein irregeleiteter Vogel, der orientierungslos durch die Dunkelheit der Gasse flog. Dabei war sie so viel mehr.

Sie biss sich auf die Unterlippe, die sogleich zu bluten begann. Einen Tropfen spuckte sie auf ihren rechten Mittelfinger und schnippte. In die dunkle Gasse kehrte Finsternis ein. Eine Finsternis, die man fühlen konnte, die nur für sie geschaffen schien.

Ihre Feengestalt war nun nicht größer als ein Staubkorn, das auf einem Lüftchen zwischen zwei geöffneten Fensterflügeln hinein in einen goldenen Raum huschte.

„Schließ es. Mein Nacken wird noch steif“, befahl der Mann im Nachtgewand. Der Wirbel, den seine Hand in der Luft verursachte, ließ das Staubkorn einmal um seinen Kopf herumfliegen, vorbei an dem hölzernen Bettgestell und der Krone, die auf einer Schatulle thronte.

Die Fee brauchte nur noch ein paar Flügelschläge, an des Königs Schulter hinauf und hinein in sein Ohr.

Sie glitt durch das Trommelfell, vorbei am Steigbügel, rutschte durch die Schnecke und rammte ihre langen Finger in den Hörnerv.

Sie war angekommen. Alles, was der König spürte, war ein sanftes Kitzeln.

Er setzte sich auf die Bettkante und richtete seinen Blick auf das noch immer geöffnete Fenster.

„Es wird Zeit, dass die Truppen die Stadt Gääsch vernichten.“

Crime-Finalistinnen

Martin Krist:

„Viele AutorInnen sind der Auffassung, mit einem Roman haben sie der Welt ihr Talent bewiesen. Mitnichten. Denn erst in der Kürze liegt die Würze; die Short Story ist das literarische Silber, die Crime Story das Gold. Wie ein guter Kriminalroman muss auch die kriminelle Kurzgeschichte vom ersten Satz an fesseln, sie muss die LeserInnen auf falsche Fährten schicken, nur um sie am Ende bitterböse zu überraschen.
Ich für meinen Teil bin überrascht, wie abwechslungsreich die Beiträge zum #bookdatecontest sind – heimelig, abgründig, verspielt, blutig, amüsant, raffiniert, spannend.
Entsprechend schwer ist es mir gefallen, eine Auswahl zu treffen. Trotzdem musste ich mich entscheiden – für drei Geschichten, die mich mit ihrer Story, ihren Figuren, ihrem finalen Clou am meisten überzeugen konnten.“

Dani Baker

Der Jobwechsel

„Die Chefärztin hat ein Skalpell im Hals stecken.“ Loris Stimme klang dumpf durchs Handy.

„Du wolltest ja unbedingt den Job wechseln. Hebamme.“
Jodi rollte mit den Augen.

„Auch wenn du es nicht verstehst, ich bin angekommen. Das wollte ich schon immer machen. Nur wenn mich jetzt jemand mit der Leiche sieht, denken alle, ich war‘s.“

Jodi stellte die Kaffeetasse ab, verließ die Küche und ging in die Garage.

„Du meinst, du hast sie nicht umgebracht?“ Sie öffnete den Van: Eimer, Plastikplanen, Müllbeutel, Putzlappen und ein Wischmopp. Sie nickte zufrieden.

„Das muss ein Amateur gewesen sein. So eine Sauerei! Und außerdem, wieso sollte ich meine neue Chefin umbringen?“

„Weil du bis gestern die beste Auftragskillerin in ganz New York warst.“ Jodi griff nach einem Schutzanzug und legte ihn auf den Beifahrersitz.

„Wirklich? Ich dachte immer, dass Luigi Scarpone für dich der Beste war“, sagte Lori gerührt.

„Luigi war gut, aber du warst besser.“ Jodi zog ein paar Handschuhe aus einer Schublade. „Außer dieser Typ damals am Union Square. Ich glaube, das war dein größtes Desaster. Bis ich das Blut und die Hirnmas…“

„Ja, das war exzellente Arbeit von dir“, unterbrach Lori sie. „Zusammen waren wir ein tolles Team. Die Auftragskillerin und die Tatortreinigerin.“

„Hey, ich hab nicht nur saubergemacht, sondern deine Leichen auch beseitigt“, brummelte Jodi. „Teppich, Fliesen oder Holzfußboden?“ Ihr Blick fuhr über ein Wandregal, in dem unzählige Kanister mit verschiedenen Chemikalien standen.

„Linoleum. Heißt das, du kommst?“

Jodi nahm ein Reinigungsmittel aus dem Regal.

„Bin schon unterwegs.“ Sie legte auf.

Eine knappe Viertelstunde später parkte Jodi vorm Krankenhaus und zog ihr Handy aus der Tasche.

„Ich bin angekommen. Wo muss ich hin?“

„Ach, Mama, du bist die Beste.“

Janina Szugat

Sicherheitsdienst

Der Wind rauschte durch die Bahnhofshalle, packte einige Funken der Zigarette eines Mannes und riss sie mit sich, bis sie in der Dunkelheit verglühten.

Die letzten Geschäfte waren bereits geschlossen, die Mitarbeiter des Bahnhofes bereits nach Hause gegangen.

Alle, bis auf die Sicherheitszentrale.

Die Kameras in dem schwach beleuchteten Raum der Zentrale schalteten alle paar Sekunden auf ein anderes Bild. Eine davon war fest auf den Mann auf dem Bahnsteig gerichtet.

„Was glaubst du, was der hier noch macht, Eddy?“, fragte Karl seinen Kollegen.

„Ist doch egal“, murrte Eddy.

„Guck doch mal hin, Eddy. Es fahren keine Züge mehr, alle Geschäfte haben geschlossen und er steht da und wartet. Auf was wartet er denn?“ Ungeduldig klopfte Karl mit einer Hand auf den Tisch, während er den Bildschirm fixierte. „Ich gehe mal runter und sehe nach ob alles in Ordnung ist.“

Eddy stöhnte genervt auf.

Doch Karl stand auf, nahm seine Jacke vom Stuhl und ging hinüber zum Schrank und holte Taschenlampe und ein Funkgerät heraus. Dann verschwand er durch die Tür nach draußen.

Der Bahnhof lag still und verlassen da.

Karl wollte so schnell wie möglich wieder in die warme Zentrale und hastete zum richtigen Bahnsteig.

Dieser lag dunkel vor ihm. Lediglich das Licht der Vitrinen gab eine schwache Beleuchtung von sich.

Der Lichtkegel der Taschenlampe glitt ihm voraus.

Er wagte sich Schritt für Schritt nach vorne. Der Wind heulte über die Bahnsteige und die leere Halle. Ihn überkam eine Gänsehaut.

Der Schein seiner Taschenlampe glitt über die leeren Sitzbänke. Er bewegte sich auf ein Aufsichtshäusschen zu, leuchtete durch die Fenster, konnte jedoch niemanden entdecken.

Dahinter musste es sein, nur noch wenige Schritte entfernt.

Zuerst sah er die Funken der Zigarette, die im Wind davonflogen. Dann den Mann, der da stand und auf die Gleise starrte.

„Was machen Sie hier?“

„Ich bin angekommen.“, sagte der Mann mit ernster Miene. „Hat sie gesagt, bevor sie gesprungen ist.“

Ruth Sollberger

2000 Zeichen

Ich bin angekommen – eine schlichte Notiz auf einem noblen Briefbogen eines Luxushotels.

«Übergeben Sie diese Nachricht bitte Mr. Simpson, sobald er zurückkehrt». Die Dame an der Rezeption nickte eifrig. Sie würde später aussagen, dass eine Frau um die dreissig, dunkles Haar, rote Brille, schwarzer Trenchcoat, mit Lederhandschuhen und einer grossen schwarzen Handtasche die Nachricht hinterlassen hatte.

Das Zimmermädchen schloss hilfsbereit die Türe zu Zimmer 512 auf. Mrs. Simpson, eine dunkelhaarige Frau mit auffälliger, roter Brille, hatte fürchterliche Kopfschmerzen und dummerweise den Zimmerschlüssel an der Rezeption vergessen.

Etwas später öffnete Mr. Simpson freudig erregt die Türe zu Zimmer 512, einen Briefbogen des Hotels in der Hand. Den ursprünglichen Plan, in der Bar nach einer willigen Begleiterin für lustvolle Stunden Ausschau zu halten, hatte er kurzerhand aufgegeben. Ein Date mit seiner Geliebten erschien ungleich verlockender.

Sie stülpte das beige Innenfutter einer schwarzen Wendetasche nach aussen, packte behutsam eine Pistole mit Schalldämpfer ein und legte eine rote Brille, eine dunkelhaarige Perücke und einen schwarzen Trenchcoat dazu. Vor dem Spiegel hielt sie kurz entschlossen inne, entledigte sich ihrer Handschuhe und schminkte sorgfältig ihre Lippen nach.

«Angekommen und abgerechnet» raunte sie ihrem Spiegelbild zum Abschied zu. An der Tür warf sie einen letzten Blick auf den Mann, der leblos am Boden lag. Blut lief über sein exklusives Hemd auf den gepflegten Teppich.

Kurz darauf verliess eine Frau um die dreissig, blondes Haar, mit heller Jacke und einer geräumigen beigen Handtasche raschen Schrittes das Hotel. Plötzlich hielt sie erschrocken inne und durchwühlte panisch ihre Tasche. «Schreib mich zurück ins Hotel», flehte sie mich verzweifelt an.

«Tut mir leid, liebe Mörderin, es gibt kein Zurück mehr, das Maximum von 2000 Zeichen ist ausgeschöpft.» Und an dieser Vorgabe scheiterte ein fast perfekter Mord jämmerlich.

Wir gratulieren allen Finalistinnen und Finalisten herzlich und freuen uns auf viele Teilnehmer*innen bei dem digitalen Bookdate, das am 18. März auf unserem YouTube-Kanal stattfinden wird.

Autorin

Jessy Halermöller

Jessica Halermöller

ist seit 2018 für den Bereich Content- und E-Mail-Marketing bei BoD verantwortlich und betreut neben dem Blog und Newsletter für Autor*innen auch die Social-Media-Kanäle des Unternehmens. Wenn sie privat nicht gerade Boulderwände hochklettert, liest sie am liebsten Gegenwartsliteratur und Fantasyromane.

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Kommentare

  • Ich freue mich mit all denjenigen, die an der Ausschreibung teilgenommen haben, und gratuliere vor allem ganz herzlich den Auserwählten. Leider habe ich mich mit einem Teil meiner Romangeschichten nicht beteiligt, da diese nicht recht zu den vorgeschlagenen Themen gepasst haben – ein andermal! Ich freu‘ mich drauf!

  • Habe nur die drei Geschichten zum Thema ‚Romance‘ gelesen, weil mich die anderen Themen nicht so sehr interessieren. Am besten hat mir „Blaubeeren“ gefallen. Sehr schön, sehr reif, zugleich gefühlvoll. Allerdings ist es zeitlich schlichtweg nicht möglich, ‚eine Beere nach der nächsten‘ zu pflücken. ‚Eine Beere nach der anderen‘ wäre korrekt. Und ‚ein paar Hundertmeter‘ gibt es auch nicht, sondern nur ‚ein paar Hundert Meter‘.

    • Moin Horst,
      vielen Dank für deinen Kommentar! Alle Geschichten, die du hier liest, sind aktuell im Lektorat und werden noch aufbereitet.
      Dort werden kleine Fehler natürlich auch korrigiert. :-)
      Viele Grüße
      Jessy von BoD

  • Die Geschichte von Janina war genial, heute durch Vorhang Gespräch kennengelernt und die Story hat mich gefesselt. Wie kann ich abstimmen für den Contests?

  • Mein Genre ist Crime, deshalb nur ein Kommentar zu diesen drei Beiträgen:

    2000 Zeichen von Ruth Sollberger gefällt mir nach meinem Beitrag, der es leider nicht unter die Finalisten geschafft hat, am besten, obwohl er unfair ist. Er lässt den Leser mittendrin hängen.
    Viele Grüße und Gratulation an die Neun.
    Marco Toccato

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